Fenchel – mein „Oktoberkraut“

FENCHEL ist das erste Kraut, mit dem wir als Menschen in „Berührung“ kommen. Im Leib der Mutter haben wir uns wohlgefühlt. Immer satt, rund um versorgt, auch wenn es dann irgendwann doch recht eng geworden ist. Dann der Schritt durch die „Pforte des Lebens“, die Nabelschnur durchtrennt, abgenabelt und darauf angewiesen mittels einer ganz neuen Technik den Nahrungsbrei aufzunehmen. Saugen ist angesagt. Umständlich ist dies. Ein ganz neuer Geschmack und Luft wird mit verinnerlicht. Das Ränzlein beginnt zu zwicken und zu zwacken. Da hilft nur noch: Brüllen wie am Spieß. So wird Muttern genötigt Fencheltee zu trinken, damit ihre Milch mit den Inhaltsstoffen des Samens durchsetzt wird. Und siehe: es wirkt! Ruhe kehrt ein. Der kleine Mensch gewöhnt sich eben an so Manches. So schafft Fenchel beim neuen Erdenbürger und seiner Mutter ein frohes Gemüt. Das gilt dann aber auch für alle anderen, die am Fenchel Geschmack gefunden haben. Zu denen gehörten schon die alten Babylonier, bei denen schon um 3000 vor Christus der Gebrauch dieses Heilkrauts nachzuweisen war.

Johann Anton Weinmann (1782–1858), ein deutscher Botaniker, wusste: „Dem Fieber und dem Gift kann Fenchel widerstehen. Er macht den Magen rein und dient recht hell zu sein.“

Fenchel (Foeniculum vulgare) gehört zur Familie der Doldenblütler und ist eine heute weltweit verbreitete Gemüse-, Gewürz- und Heilpflanze. Eine alte deutsche Bezeichnung für den würzigen Doldenblütler ist „Köppernickel“. Auch als „Felsknolle“ oder „Brotsamen“ ist er bekannt.

Im Fencheltee begegnet uns ein alter Heiltrank „Wider den Teufel“ und das Schlankheits- und Schönheitsmittel der römischen Damen! Hildegard von Bingen wusste über „de Feniulo“: „Der Fenchel hat angenehme Wärme und ist weder von trockener noch von kalter Natur. Und wie auch immer er gegessen wird, macht er den Menschen fröhlich und vermittelt ihm angenehme Wärme und guten Schweiß und er verursacht eine gute Verdauung und er unterdrückt den üblen Geruch seines Atems und er bringt seine Augen zum klaren Sehen … Sogar ein Mensch, den die Melancholie plagt, der zerstoße Fenchel zu Saft, und er salbe oft Stirn, Schläfen, Brust und Magen, und die Melancholie in ihm wird weichen.“ (Physica, Heilkraft der Natur, Cap. 1-66)

Weiterverarbeitet und genossen werden einerseits die Knollen (vor allem in Salaten, Gemüsegerichten und als Beilage zu gedünsteten Fischgerichten), andererseits die Samen, die mit dem Anis vergleichbar sind. Letztere werden manchmal als Gewürz in Schwarzbrot mitgebacken oder zu Tee aufgegossen, wie wir zum Beginn dieser Geschichte bereits gehört haben. Fencheltee gehört neben Pfefferminz- und Kamillentee zu den meistgeschätzten Kräutertees. Oft wird er als Mischung in Kombination mit Anis und Kümmel angeboten.

Neben Verdauungsbeschwerden können die in den Früchten enthaltenen ätherischen Öle durch ihre antibakterielle Eigenschaft auch Atemwegsbeschwerden lindern. Fenchel regt den Appetit an, wirkt verdauungsfördernd, beruhigend und krampflösend. Nach einem guten Essen und Knoblauch-Genuss sorgen die Samen als „Mund-Erfrischer“ für einen guten Atem. Entzündungen der Augen lassen sich mit dem Dampf der Körner lindern. Das wissen bereits die meisten antiken Quellen.

Fenchel gehört traditionsgemäß zu Fisch. Gegrillter Seebarsch und Rote Seebarbe werden auf getrocknetem Fenchel flambiert. Er wird Saucen und Hackfleisch beigemischt. Fein gehackte Fenchelblätter nimmt man in geringer Menge zum Würzen von Suppen, Salaten, Mayonnaisen und für die „Sauce vinaigrette“. Die Genfer Longeole, eine Rohwurst-Spezialität, wird traditionell mit Fenchelsamen aromatisiert. Auch die Pollen des Fenchels können als Gewürz verwendet werden, sie sind sehr aromatisch und schmecken süß. Aufgrund der aufwändigen Produktion ist das Gewürz vergleichsweise teuer, zudem werden die Pollen nur in geringen Mengen geerntet. Fenchelpollen werden auch als „Gewürz der Engel“ bezeichnet. Fenchel findet darüber hinaus auch in einigen Spirituosen Verwendung. Häufig dient er dabei zur geschmacklichen Abrundung eines Getränkes, das als einen der Hauptbestandteile Anis enthält, wie Absinth oder Pastis.

2009 war Fenchel Arzneipflanze des Jahres 2009. Und noch etwas: Fenchel mag nicht zum Dill, obwohl sie einander doch so ähnlich sehen!

Gott befohlen und herzlichst –

Ihr Pater Gerhard.                                              Foto Fenchel_Makrodepecher_pixelio.de