Das „Kraut der Unsterblichkeit“ – Jiao gu lan

„Kommt Leute, kauft’s, das gibt es nur bei mir, das Zauberkraut aus dem Fernen Osten, kauft’s und werdet uralt, sterbt gesund! Kauft das KRAUT DER UNSTERBLICHKEIT“! Mann/Frau fühlt sich zurückversetzt auf einen Jahrmarkt zu Ehren des Stadtheiligen „St. Penunzius“ im ausgehenden Mittelalter, auf dem Marktschreier, Marketender, Bader, Scharlatane und sonstige Schlitzohren versuchen, den Stadtbewohnern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Das, was Gartencenter und Kräuterkatalog-Anbieter heute irgendwie in ähnlicher Manier anbieten und anpreisen, ist Gynostemma pentaphyllum, jiǎo-gǔ-lán.  Die „Rankende Indigo-pflanze“, ist ein Kürbisgewächs, das Wuchslängen von zwei bis vier Metern erreichten kann. Blätter der Pflanze werden als Gemüse, Salat oder Tee zubereitet. An nährstoffreichen Standorten treibt sie aus Wurzelknollen immer wieder neu aus. In seiner Heimat besiedelt das Wunderpflänzchen Dickichte und gedeiht in Höhenlagen bis 3200 Meter Meereshöhe, bevorzugt aber warmes und feuchtes Klima. Auch in unseren Gefilden ist es in der Regel winterhart. Wenn nicht – freut sich der Gärtner, wenn er Ihnen ein neues Exemplar verkaufen kann. Jiaogulan (sprich: „Dschiau-gu-lan“) wird seit Jahrhunderten in den bergigen Regionen Südchinas als ein belebender, vitalisierender und verjüngender Tee täglich getrunken. Viele nutzen die Pflanze auch als Salat oder spinatähnliches Gemüse. Der in dieser Gegend übliche Name „Xiancao“ heißt so viel wie „Kraut der Unsterblichkeit“, und die Leute dort sagen: „Es wirkt wie Ginseng, aber besser als Ginseng!“ In der Provinz Guizhou wird der überdurchschnittliche Anteil an über 100-Jährigen auf den dort verbreiteten, regelmäßigen Genuss von Jiaogulan zurückgeführt.  Mit den jungen, knackigen Triebspitzen lassen sich Salate um eine angenehme, exotische Komponente bereichern. Wenn Sie den Geschmack von echtem Ginseng kennen, werden Sie beim Naschen von den frischen Triebspitzen der Pflanze einen ganz ähnlichen, lakritzartigen Geschmack auf der Zunge haben.

1406 – während der Ming-Dynastie – wurde diese Pflanze erstmals im Buch „Heilkräuter gegen die Hungersnot“ beschrieben. 300 Jahre später findet sich in Europa eine erste Monographie. 1976 wurden – eigentlich rein zufällig – bei einer wissenschaftlichen Untersuchung, von Kandidaten für ein neues kalorienarmes Süßungsmittel, in Jiaogulan die gleichen Substanzen entdeckt, für die Ginseng berühmt geworden ist: die Ginsenoside. Es fand sich außerdem eine eigene Klasse von Saponinen, die sogenannten Gypenoside, die hauptsächlich für die wohltuende Wirkung verantwortlich sind. Seit einigen Jahren wird dieses Kraut aber nicht nur in China und Japan, sondern auch in den USA zunehmend beliebter als preisgünstige Alternative zu Ginseng. Jiaogulan hat als echtes Adaptogen keinerlei Nebenwirkungen im Gebrauch und wirkt ausgleichend, balancierend. Während Ginseng nur etwa 20 Saponine enthält, sind in Gynostemma über 80 dieser Inhaltsstoffe nachweisbar. Diese Saponine sind natürliche organische Verbindungen, die unter anderem an der Hormonsynthese beteiligt sind.

Was bewirkt nun dieses „Kraut der Unsterblichkeit“?

Es ist „Rostschutz“ für unser komplettes „Leitungssystem“, d.h. es ist ein äußerst wirksames Antioxidans, verbessert die Pumpleistung des Herzens, damit auch die allgemeine Durchblutung und hilft bei Herzrhythmus-Störungen.

Der Blutdruck wird, wie bei Ginseng, im normalen Bereich gehalten, zu niedriger Blutdruck wird angehoben.

Jiaogulan ist ein Herzstärkungsmittel ersten Ranges und verhindert die Verklumpung der Blutplättchen.

Durch das Zusammenspiel von besserer Kapillar- und Herzdurchblutung, Verbesserung des Blutbildes und anderer Faktoren erklärt sich die stoffwechselanregende Wirkung des Krauts, das auch unser Immunsystem stärkt und blutbildend wirkt. Dabei wird besonders die Bildung weißer Blutkörperchen unterstützt.

Blutzucker und Blutfette werden durch das „Kraut der Unsterblichkeit“ gesenkt,  insbesondere der LDL-Spiegel, das „böse Cholesterin“ und die Triglyceride. Deshalb sagt man ihm auch gewichtsreduzierende Wirkung nach.

Jiaogulan verhindert stressbedingte Krankheiten und sorgt fürs seelische Gleichgewicht. „Burn out“ kann damit zum Fremdwort werden. Ganz nebenbei: „Burn out“ ist meines Erachtens keine Krankheit, sondern es ist die sich selbst schädigende Eigenschaft, nicht  „Nein“ sagen zu können. Dieses Kürbisgewächs ist im weitesten Sinne und deftig derb ausgedrückt eine „für € 6,50 Leck-mich-am Arsch“ Pflanze, die, „Nein-zu-sagen“ hilft, die ausgleichend auf das Nervensystem wirkt und negativen Stress (z.B. Über- oder Unterforderung durch den Vorgesetzten) abbaut: überdrehte Nerven werden beruhigt, kraftlose wieder angeregt. Die Gesamtheit der Wirkungen sorgt für bessere Stressverträglichkeit des Organismus und eine Steigerung der Ausdauer.

Ich meine, das ist eine beeindruckende Litanei an positiven Wirkweisen. Mehr geht einfach nicht.

In diesem Sinne Ihnen einen gesunden Lebenswandel und viel Gottvertrauen.

Herzlichst Ihr Pater Gerhard

 

Das Maikraut Gundelrebe

GUNDERMANN, Glechoma hederacea, auch GUNDELREBE, ERDEFEU, ALLERMANNS THYMIAN oder ZICKELKRÄUTCHEN genannt.

Dieser wahre Menschenfreund wuchert mit seinen kriechenden Ausläufern im Rasen, liebt feuchte, kühle Stellen unter Hecken und am Mauerwerk. „Menschenfreund“ oder auch anthropochore nennt man das Pflänzchen deshalb, weil er sich wie Holunder oder auch Brennnessel mit Vorliebe in der Nähe von Haus und Hof breit macht. Wie Minze, Melisse, Dost, Thymian, Salbei, Bergbohnenkraut, Lavendel oder Rosmarin zählt der Gundermann zu den Lippenblütlern. Allen gemein ist das starke Aroma ätherischer Öle, welche die ganze Pflanze durchwallen. Diese aromatischen Öle haben etwas himmlisches an sich, was schon der Name „Äther“ verrät.

Bei Hildegard von Bingen lesen wir über die Gundelrebe: „Sie ist mehr warm als kalt, und sie ist trocken, und sie hat gewisse Kräfte der Farbstoffe, weil ihr Grün nützlich ist, so dass ein Mensch, der matt ist und dem die Vernunft verschwindet, mit erwärmtem Wasser baden und die Gundelrebe in Mus oder in Suppen kochen soll, und er esse sie entweder mit Fleisch oder mit Cucheln, und sie wird ihm helfen. Und wenn jemand mit Lauge seinen Kopf häufig mit ihr wäscht dann vertreibt er viele Krankheiten von seinem Kopf, und er verhindert, dass er krank wird. Aber wenn üble Säfte den Kopf wie doum plagen, so dass auch seine Ohren tosen, der bringe sie in warmem Wasser zum Sieden, und nach Ausdrücken des Wassers lege er sie so warm um seinen Kopf und sie mindert das doum, das in seinem Kopf ist, und öffnet sein Gehör. Und wer in der Brust und um die Brust Schmerzen hat, wie wenn er innerlich Geschwüre hätte, der lege die im Bade gekochte und warme Gundelrebe um seine Brust, und es wird ihm besser gehen.“

Die Grün-Donnerstags-Suppe war bei Hirten und Bauern sehr beliebt. So gab man auch den jungen Ziegen, den Zicklein, davon zu fressen, damit sie eine starke Fresslust entwickeln und kräftig werden. Ziegen fressen, im Gegensatz zu den meisten anderen Haustieren, sehr gerne das würzige, ölhaltige Kräutlein. Der eigentliche Grund aber ist in Vergessenheit geraten: Die weiße Geiß, die früh im Jahr ihre Zicklein wirft, galt bei den indogermanischen Völkern als das Tier der Göttin, welche die wonnige, sonnige Jahreszeit wiederbringt, die Felder und Wiesen erneut ergrünen lässt.

Die Bitterstoffe, vor allem das noch nicht erforschte Glechomin, regen die Verdauung an und stärken Herz und Leber. Die Gerbstoffe festigen und trocknen wundes, verletztes, eiterndes, wässriges, gequetschtes und schlecht heilendes Gewebe. Bei leichten Durchfallerkrankungen und wundem Zahnfleisch findet Tee aus der Pflanze aus eben diesem Grund ebenfalls Anwendung. Besonders bei eiternden Geschwüren zeigt die Gundelrebe, was in ihr steckt. „Gund“ ist das altgermanische Wort für „Eiter“, „Beule“, „faulige Flüssigkeit“ und „Gift“. In Tirol legt man Blättlein des Gundermanns auf die Wunden. Noch wirksamer ist das „Wunderkrautöl“. Das Rezept hat Susanne Fischer-Rizzi vor dem Vergessen bewahrt: „Man sammelt frische, blühende Stängel der Gundelrebe, presst sie in ein Glas und stellt dieses, fest verschlossen, für vier Tage an die Sonne. Am Boden des Glases sammelt sich eine helle Flüssigkeit. Diese wird abgeseiht und im Kühlschrank oder kühlen Keller aufbewahrt. Zur Hälfte mit hochprozentigem Alkohol versetzt, erhält man eine lange haltbare und hochwirksame Wundtinktur.“ Und Cotton Mather schreibt im Jahre 1724: „Da sich unsere Vorfahren aus diesem Kräutlein ihr Lieblingsgetränk brauten, galten die Engländer einst als die langlebigsten Menschen der Erde. Eine handvoll Gundermannblätter in Ale gekocht, morgens und abends getrunken, wirkt Wunder bei allen Kopfschmerzen, Entzündungen, geröteten Augen, Gelbsucht, Husten, Schwindsucht, Milz- und Steinerkrankungen und Verstopfungen jeglicher Art.“

Gundelreben-Kartoffelsuppe:  Kartoffel kochen und stampfen. Gewürfelten Speck, 1 Möhre und 1 fein gehackte Zwiebel dazugeben. Mit Brühe aufgießen und nach Geschmack würzen. Kurz vor dem Servieren fein geschnittene Gundelrebenblätter dazu geben.

Gundelreben-Eis: 2 Bananen und 1 Apfel schälen und fein zerkleinern. Den Saft einer Zitrone dazu geben. 5 g feingewiegte Gundelrebenblättchen samt den Blüten mit etwas Sahne pürieren. 300 g Sahne steif schlagen und unter die Masse heben. Mit Honig abschmecken, in Förmchen füllen und gefrieren lassen. Guten Appetit!

Gott befohlen und herzlichst – Ihr Pater Gerhard.