Ein Baum ist ein Baum. Und weitaus mehr:

Er ist Schutz, Nahrung, Freund und Lehrer, birgt Heil für Seele, Geist und Körper. Doch was Kelten und Germanen zu schätzen wussten, was tief in unserem Kulturkreis verankert ist, scheint heute in Vergessenheit geraten:

Die Kraft der Bäume, ihre Seele, ihre Medizin.

Einst hatten Bäume eine besondere Bedeutung für uns Menschen. Sie waren Sitz der Götter, Gerichtsorte, die Verkörperung von Kraft und Fruchtbarkeit. Sie galten als heilig, als weise Lehrmeister. Jeder von ihnen hatte seine Geschichte, seine Magie und Wirkung. Sicher – Linde und Weißdorn sind auch aktuell noch gebräuchlich, doch auch viele andere Bäume bieten Heilung oder Linderung in fast jedem Bereich…

In der Mythologie zeigt sich, dass Mensch und Baum von jeher eng miteinander verbandelt waren: Zahlreiche Völker führen unsere Existenz auf Bäume zurück. In den nordischen Mythen sind es Ask und Embla, Esche und Ulme, aus denen die Götter Mann und Frau erschufen. In der walisischen Legende „Cad Goddeu“ („Der Kampf der Bäume“) wurden Menschen zugunsten des Sieges in Bäume und Sträucher verwandelt. Ovid beschrieb ähnliches in seinen „Metamorphosen“. Vergil berichtet in der „Äneis“ von Eichenwälder, die einst die Hügel Roms bedeckten, aus deren Stämmen wilde Männer hervorgegangen waren – die Pane und Satyrn der Griechen, die Faune und Silvane der Römer scheinen verwandt. Bei den Sumerern tritt im zweiten vorchristlichen Jahrhundert eine Waldgestalt namens Enkidu auf, häufig in den mittelalterlichen Rittergeschichten kopiert: Der Wilde aus dem Wald findet sich in Tristan und auch in Artus wieder. Kobolde, Elfen und etliche Waldgeister prägten unsere Geschichte und nicht ohne Hintergrund wurden heilige Bäume seitens des Klerus gefällt, um die „Bekehrung“ der Heiden zum Christentum voranzutreiben. Und das, obwohl sich insbesondere im Alten Testament vielerlei Baumgleichnisse finden, der Baumkult im 17. und 18. Jahrhundert einhergehend mit der Marienverehrung als heidnisch-christliches Zwittersymbol wieder auflebte, der Heilige Hain jedoch zugleich verteufelt wurde.

Der Baum ist dem Menschen näher, als es uns heute bewusst ist: Er steht aufrecht, wächst, vergeht, hat seinen Frühling, Herbst, seinen Winter und seine Blütezeit. In der Wurzel liegen die Ursprünge aller Dinge und des Seins – Ausgangspunkt jedes Wachstums, Basis, die am Boden hält, Garant für ein Überleben. Der Mensch verliert den Boden unter den Füßen, ist entwurzelt und desorientiert; man spricht vom Stammbaum der Familie, befindet sich auf der Suche nach seinen Wurzeln. Wir streben nach dem Licht, wachsen in den Himmel, recken uns diesem entgegen. Und manch einer ist baumstark, aus gutem Holz geschnitzt, ein Mann wie ein Baum oder trägt eine Krone…

„Du wirst mehr in den Wäldern finden, als in den Büchern. Die Bäume und Steine werden dich Dinge lehren, die dir kein Mensch sagen kann.“ (Bernhard von Clairvaux)

Vieles von dem, was wir heute über Bäume wissen, stammt aus germanischer und keltischer Zeit, dem Volksglauben und wurde mit Bräuchen, Sagen und auch Liedern weitergetragen. Die Menschen waren Teil des Waldes, begriffen das Wesen der Pflanzen und sahen in ihnen nicht einzig eine hübsche Aufbewahrung für heilsame Substanzen. Sie wussten: Jede Baumart hat ihre eigenen charakteristischen Bilder und Botschaften. Und ihre Medizin!

„Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt.“ (Khalil Gibran)

Hildegard von Bingen unterscheidet in ihrer Vorrede zum „Buch von den Bäumen“ / „Liber De arborius“ Wald- und Obstbäume. Es ist das 3.Buch in der „Physica“ und handelt von einheimischen und exotischen Bäumen und Sträuchern. Vom Muskatnussbaum bis zum Kampfer und vom Apfelbaum bis zum Waldmoos ist der Inhalt in 68 Kapiteln aufgespannt.  Das gemeinsame Merkmal ist: alle tragen sie Früchte. Zum Verzehr von rohem Obst rät Hildegard allerdings eher selten. Fast schon eine Ausnahme bildet der Apfel, den „der gesunde Mensch ohne besondere Zubereitung“ essen darf.