Gottes grünes Kleid

Bildreich beschrieben haben die Menschen in biblischer Zeit ihre Gottes- erfahrungen und – erwartungen: Er brütet über der Urflut, wandelt auf dem Wasser, steigt himmlische Leitern auf und ab, er kämpft – auch mit unlauteren Mitteln, erscheint im Dornbusch der nicht verbrennt, bricht Brot und erscheint in Zungen aus Feuer. Diese schönen Gewänder der Gottessprache, sind von Motten zerfressen. Die mythische Lebendigkeit ist im Ansturm von Wissenschaft und Technik verloren gegangen. Nur ganz Sparriges, Dürres blieb übrig – oder aber seltsam Übertriebenes. Auf einem Ästchen der Metaphysik überlebte das Gottesbild, in logische Engen getrieben – bis auch dieses letzte Ästchen brach für die Menschen der Moderne. Und doch: die Sehnsucht nach Gott, nach dem, was Gott verbürgt, ist ungestillt: Das Gehaltensein in der Not des Lebens, das Sehnen nach Gemeinschaft, Frieden, Gerechtigkeit – mehr noch, nach Barmherzigkeit – diese Sehnsucht ist da und wird da bleiben. Sie ist nicht abzuschaffen, nicht mit Missachtung, Demontage, Kreuzigung. Gott hat uns nicht zum Herrschen bestellt. Gott hat die Menschen zu Dienern des Lebens geschaffen, als Beauftragte Gottes mit dem Mandat, das lebendige Ganze der Erde im Sinn des Schöpfers zu bewahren (Genesis 2). Eine Gott-freie Welt zu erklären, ist die Hybris einer wissenschaftsgläubigen Weltsicht. Sicher ist: Wir haben lernen müssen nicht der Nabel der Welt zu sein. Wir sind ein „Schäumchen im Weltenmeer“ und doch ist menschliche Macht ständig gewachsen. Und damit ist die Krise da. Doch Krise ist Gefahr und Chance zugleich. Wir lernen zu begreifen, dass die Erde – nein, das ganze Universum – ein lebendiger Organismus ist, und keine bloße Ansammlung von Objekten. Irdisch gesehen: Bäume sorgen für gesunde Luft, die wir atmen, die Meere stellen das Klima her, in dem wir leben können, und die Bienen erhalten durch ihre Bestäubungsarbeit unsere Obstplantagen und Blumen. Ganz einfach gesagt: Die Erde und ihre Pflanzen ernähren uns. All dies kann unseren Sinn für Schönheit und für die Schöpferkraft wecken. Die Erde ist ein großer zusammenhängender Organismus und ist in der Lage, alle auf sie einwirkenden Prozesse zu regulieren. Unser Eingriff betrifft immer das Ganze, betrifft unsere Lebensgrundlage. Alles ist mit allem verbunden. „Und was der Erde geschieht, das geschieht auch bald den Menschen.“ Nur wir wollen das nicht wahrhaben. Vieles spricht für diese ganzheitliche Sicht. Je tiefer wir dieses Wunderwerk entdecken, umso mehr tritt der Schöpfer aller Ding wieder in Erscheinung. Nicht als der alte Mann mit Bart aus der Sixtinischen Kapelle im Vatikan, sondern als Gott, der das Leben, ja sich selbst in all dies hineingewebt hat, den grünen Lebensfaden der Schöpferkraft, die Grünkraft, Lebensenergie pur, von der auch Hildegard von Bingen eindrücklich berichtet hat. Ich finde zu Gott nicht nur durch Nachdenken und Argumentieren, Beten und Tun. Im Blumenpflücken, Singen, Tanzen und Lieben, im Streiten und Vergeben im Protestieren all überall kann ich Gott begegnen. In der Gottesfrage geht es ganz einfach um mein Suchen nach seiner und meiner und deiner lebensschaffenden befreienden Gegenwart. So entdecke ich „Gottes grünes Kleid“ und entdecke, dass seine Schöpfung, dass „Mutter Erde“ etwas Heiliges ist. „Herausgerufen“, etwas ganz Besonderes ist sie, so wie es der Ehrentitel für uns Christen meint. Im Buch Hiob (12,7ff) werden wir ermutigt, unsere Schöpfungsahnung im Austausch mit den Tieren zu suchen: „Frage die Tiere, sie lehren es dich, die Vögel des Himmels verkünden es dir, der Erde Gekreuch, es lehret dich, die Fische des Meeres erzählen es dir. Wer wüsste nicht bei alledem, dass dies die Hand Jahwes getan, darin all des Lebendigen Seel, der Geisthauch jedes Menschenleibs?“ (Fridolin Stier). Das bedeutet nicht mehr aber auch nicht weniger, dass wir den Lebensimpuls Gottes in allem was uns umgibt wahrnehmen können, wenn wir nur offen dafür sind. Wo in der Zerbrechlichkeit des Lebens Liebe aufblitzt und Barmherzigkeit, Gottes Segen erfahrbar, ja spürbar werden – wir können suchen, hinschauen, hinhören und wir können Gott in seinem grünen Kleid finden.

Pater Gerhard