Kraftvoll und wild – das WEIDENRÖSCHEN (Epilobium ssp.) – mein „Oktoberkraut“

Beim sonntäglichen Spaziergang, bei dem auch die Gärten der Nachbarschaft inspiziert wurden, sagte meine Mutter – Gott hab sie selig – regelmäßig beim Auftauchen dieses Krauts: „Die passen nicht auf ihren Garten auf.“ Weidenröschen galt / gilt als Zeichen für beginnende Verwilderung.

Ein Blick zurück. Anno 275 nach der Zeitenwende entsagte Antonius, ein Sohn wohlhabender Eltern, allen weltlichen Versuchungen. Er zog sich in die ägyptische Wüste zurück, wurde Einsiedler und Begründer des christlichen Mönchstums. Mit der Zeit erbaten Kranke bei ihm Genesung und geistige Sucher erwarteten sich Lebensweisheit. Zeitsprung. Insbesondere im 11. Jhdt. wurden vor allem in Frankreich Bruderschaften gegründet, die so leben wollten wie er. Sie widmeten sich vorwiegend der Krankenpflege. Gerade zu dieser Zeit wurden zahllose Menschen von einer mysteriösen Krankheit befallen, die ihnen heftig brennenden Schmerzen bereitete. Diese Qual wurde durch Mutterkorn ausgelöst, wie man später feststellte. Dabei befällt ein Pilz die Getreideähren und bildet eine schwarze, kornähnliche Struktur. Die enthaltenen Gifte werden dann über das Mehl in die Speisen verbreitet und erzeugen Darmkrämpfe, Halluzinationen und insbesondere brennende Durchblutungsstörungen, bis hin zum Verlust von Gliedmaßen und Atemlähmung. Die Antoniter nahmen sich in Spitälern dieser Erkrankten an. Und da taucht unser Weidenröschen auf.

Mit der Bezeichnung Antonii herba bezeugte man den Weidenröschenarten höchste Anerkennung. Das „Antoniuskraut“ erleichterte vielerlei brennende Entzündungen. Seine antimikrobiellen, schmerzstillenden, entzündungshemmenden, blutstillenden, zusammen-ziehenden mild krampflösenden, leicht krebshemmenden  und wundheilenden Eigenschaften verschafften und verschaffen Linderung. Solche als Krankheitsdämonen interpretierten Mikroben sollten durch das „Unholdenkraut“ ferngehalten werden. Die volkstümliche Bezeichnung „Feuerkraut“ kann sich zum einen auf diese Anwendung beziehen. Andererseits treten Weidenröschen als eine der ersten Pionierpflanzen nach Waldbränden auf und tragen deshalb diese Bezeichnung.

So wie Antonius als Wegbreiter des Mönchstums gilt, sind viele Weidenröschenarten Erstbesiedler auf Freiflächen und bereiten den Boden für künftige Pflanzengenerationen. Auch ihnen ist die Bedürfnislosigkeit auf den Leib geschrieben. Ganz im Dienst der Allgemeinheit fungieren sie als Bodenheiler, Futterpflanzen und Balsam für körperliche Beschwerden.

In der Nachkriegszeit leuchteten die Weidenröschen als sogenannte „Trümmerblumen“, farbigen Lichtblicken gleich, aus den grauen Schuttfeldern der verwüsteten Städte. Vielleicht vermochten diese flammend roten Blütenmeere den tristen Alltag aufzuhellen. Der Blütenessenz des Schmalblättrigen Weidenröschens“ wird eine ähnliche Wirkung zugesprochen. Sie soll helfen, Traumata zu verarbeiten.

 

Pater Simon Asic (1906-1992), Zisterzienser in Sticna hat eine ganz besondere Wirkung dieses Krauts wieder entdeckt. Er schreibt vor allem dem „Kleinblütigen Weidenröschen“ (Epilobium parviflorum) einen günstigen Effekt bei Prostataleiden zu. Sie dichtet den „Wasserhahn den Mannes“ wirkungsvoll und hilft so bei ständigem Nachtropfen. In der Volksheilkunde wird auch berichtet, dass es bei Blasen- und Nierenerkrankungen helfe. Wissenschaftliche Versuche haben gezeigt, dass ein Extrakt aus der Pflanze antibakteriell wirkt und das Wachstum von Escherichia coli hemmt. Doch das will kaum jemand wissen. Die Macht der Pharmakonzerne steht dem entgegen.

Ganz nebenbei gesagt: alle Arten des Weidenröschens verfügen über eine ähnliche Wirkung, so Gott will und sogar, wenn Sie nicht daran glauben.

 

Gott befohlen und herzlichst – Euer Pater Gerhard.