Mein Februarkraut: Die Brennnessel!

Was brennt ums Haus und’s Haus brennt nit?“ Ein wahrer Menschenfreund ist’s: die Brennnessel, Urtica dioica, wie der Botaniker zu sagen pflegt.

Wer kennt sie nicht, die Brennnessel? In Scharen umstellt sie Haus und Hof. Jedes Kind, das noch einen natürlichen Drang nach draußen hat, kennt sie und ihre Wirkungen, wenn die zarte menschliche Haut ihnen zu nahe kommt. Walahfried Strabo, im 9. Jahrhundert Abt im Kloster Reichenau, schreibt in seinem Gedicht über sein Kräutergärtlein, dem „Hortulus“ im Kapitel über die Schwierigkeit des Gartenbaus: „Dann haben Nesseln den Raum überwuchert … Und auf den Flächen des Feldchens ist übles Unkraut gewachsen, Pfeilen vergleichbar, verderblich bestrichen mit ätzenden Gifte. Wie dem sich wehren? So dicht war durch unten verkettete Wurzeln alles verwoben …“  Mit ihrem Mantel aus lauter feinen, spröden Brennhaaren treibt sie einem manchmal das Wasser in die Augen. Abhilfe schafft in diesem Fall der Blattsaft des Ampfers, der meist in unmittelbarer Nachbarschaft der Brennnessel gedeiht. Manch einer findet jedoch das Kribbeln als gar nicht so unangenehm. Diejenigen die das sagen und behaupten beteuern, dass ihre Hände dadurch feinfühliger werden. Aber warum schützt sich die Brennnessel vor unsachgemäßer Berührung? Der Schweizer Kräuterpfarrer Johannes Künzle bemerkte dazu: „Hätte die Brennnessel keine Stacheln, wäre sie wohl schon längst ausgerottet worden, so vielseitig sind ihre Tugenden.“ Die Kelten personifizierten die Brennnessel mit einem bewaffneten Krieger. Der half mit im Kampf gegen den äußeren und inneren Winter. Mittelalterliche Doktoren verordneten die Brennnessel als wirksames Mittel, um das Zuviel an „schwarzer Galle“ auszutreiben. Brennnessel treibt Harn und Schweiß, fördert den Stuhlgang und hilft, Schleim in den Lungen zu lösen. So sorgt sie wieder für „guten Humor“. Hildegard von Bingen (1089-1179) berichtet über sie: „Die Brennnessel ist in ihrer Art sehr warm. In keiner Weise nützt es, dass sie roh gegessen wird, wegen ihrer Rauheit. Aber wenn sie frisch aus der Erde sprießt, ist sie gekocht nützlich für die Speisen des Menschen, weil sie den Magen reinigt und den Schleim aus ihm wegnimmt.

Brennnesselsuppe oder Nesselgemüse, mit einem Geschmack der an Meeresfrüchte erinnert, enthält besonders wertvolle Nährstoffe: Eisen, Kalzium, Vitamin A und C und besonders viel pflanzliches Eiweiß. Bis zur Sommersonnwende wird sie als Wildgemüse verwendet. Danach geht ihre Vitalkraft in Pollen und Samen über. Die Samen sind eine Köstlichkeit zu Müsli, Joghurt und Salaten. Die Wurzeln der Brennnessel sind hilfreich bei Prostatabeschwerden. Auch im Herbst und Winter ist die getrocknete Brennnessel eine kostbare Zutat für Suppen, als Tee oder ganz banal als Haarspülung.

Junge Blätter und Triebe besitzen noch keine Brennhaare, so dass sie als nährstoffreiches Gemüse oder Salat verzehrt werden können. Auch als Brennnesselsuppe allein sehr schmackhaft! Am 1. Januar aß man Brennnessel-kuchen, um sich ein gutes Jahr zu sichern, am Johannistag Brennnesselpfannkuchen, um gegen Nixen- und Elfenzauber gefeit zu sein. Brennnesselgrün gehörte traditions-gemäß in die Gründonnerstagsspeisen

Im Märchen von Hans Christian Andersen „Die wilden Schwäne“ muss die stumme Königin sieben Hemden aus (Brenn)Nesseln anfertigen (in alten Zeiten noch üblich), um ihre Brüder zu erlösen, im Grimmschen Märchen „Jungfrau Maleen“ spielt ebenfalls die Brennnessel eine wichtige Rolle.  Und Victor Hugo erzählt in seinem Roman „Les Miserables – Die Elenden“ von einem Mann, der in einem armen Dorf auftaucht und die Leute lehrt, die Brennnesseln, die dort überall wächst und bis dahin als „Unkraut“ angesehen wurden, zu nutzen. Als Faserpflanze, als Nahrungsmittel oder auch als Dünger lindere die Brennnessel die Not der armen Leute. Die Brennnessel ist ein Symbol schmerzlichen Liebesbrennens oder der hoffnungslosen Liebe. Früher „peitschte“ man sich mit Brennnesseln, benutzte sie zum „Liebesgeißeln“. (Sich mit Brennnesseln zu schlagen erzeugt an der betreffenden Stelle ein stundenlanges Wärmegefühl, fördert die Durchblutung und eignet sich deshalb hervorragend bei schmerzenden Gelenken, Rheuma- oder Ischias-Beschwerden. Es kostet nichts – höchstens Überwindung! ) Mattioli berichtet: „Nesselblätter in Wein gesotten und getrunken, machen zur Liebe feurig, locken zur Unkeuschheit„. Und Brunfels schreibt: „Wenn sie wollen eheliches Werck treiben, essen sie den samen mit zwiebeln und eys dotteren und Pfeffer“. Weil die Brennnessel durchblutungssteigernd wirkt, gelten Gerichte mit ihr als aphrodisierend. Auch 1-2 Teelöffel Brennnesselsamen ins Müsli gegeben soll das menschliche Lustbedürfnis steigern. Ein daraus zubereiteter Tee vertreibt die Frühjahrsmüdigkeit… Gegen Furunkel hilft Harry Potters Zaubertrank, den er aus der „Nessel“ braut.

Die Ursache für die brennenden Schmerzen und juckenden Quaddeln ist die Ameisensäure. Noch heute wird die „Urtikation“ bei Rheuma und Arthritis angewandt. Die Brennnessel wirkt blutreinigend, stimuliert die Verdauungsdrüsen (in Magen, Darm, Bauchspeicheldrüse, Leber, Galle) und hat zudem eine milchbildende, blutzucker-senkende, entgiftende und stoffwechselanregende Wirkung. Kraut, Blätter und Samen enthalten viel Vitamin C, Vitamin A, Mineralsalze (vor allem Kalium und Kalzium), Chlorophyll, Karotinoide und organische Säuren.

Für rund 50 Schmetterlingsarten im Raupenstadium sind Brennnesseln die Futter-pflanze. Sie sind sogar auf die Brennnessel angewiesen.  Brennnessel vermag Schwermetalle und Giftstoffe aus dem Garten-, dem Pflanzen-, dem Tier- und dem Menschenkörper auszuleiten.