Zwischenruf im Mai

Hart ist der Stein. Härter als Stein ist das Herz, das versteinert ist. Als die Herzen aller Menschen versteinert waren, wurde die Erde so schwer, dass sie aus der Umlaufbahn der Sonne absank. Steinerweichend. Aber die Menschen wurden noch steinerner als jeder Stein. Ein versteinerter Mensch – einer, der vom Leid nicht mehr zu zeichnen ist – bleibt unaufweckbar. Es kam eine Zeit, in der die Steine die Menschen wieder das Fühlen lehrten. Die Steine begannen zu zittern vor den Menschen mit den steinernen Herzen. Das Leid unter den Menschen und das Leid durch Menschen nahm so überhand, dass die Steine vor Mitleiden erweichten. Es ist auch denkbar, dass die Steine vor Freude hüpften.Vielleicht macht es etwas aus, aufgewachsen zu sein unter der penetranten Parole: „Gelobt sei, was hart macht!“ Ein ungeheurer Protest wuchs heran zugunsten des Sanften. Es ist eine Mission, das Sanfte vom Anschein des Verächtlichen zu befreien. Zeitalter haben Atmosphärisches an sich. Warum soll auf Zeitalter der Härten nicht das Zeitalter des Sanften folgen? – Aber die Härten werden geschürt. Die „Sanften“ werden verdrängt. Es gibt Geburtswehen neuer Zeitalter. Ein solches der Ungewalt wäre fällig. Der neue Äon, den Jesus ankündigte und einleitete, war oder ist oder wird sein wohl keiner der Härte, eher einer des Sanften, aber von Grund auf. „Selig sind die Zarten,…“ – So ist das wohl noch nicht übersetzt. Schämen wir uns solcher Üb-ersetzung? Ist uns das Zarte gar peinlich? Sind wir zu grob, um des Zarten fähig zu werden? Kann denn der Sanfte anders als zart sein? Zart ist unmännlich, und männlich ist der Marschschritt. Aber der Zarte spürt, was zertreten wird. Die Zarte spürt das wohl noch mehr. Die Zarten spüren die Zerstörung voraus. Die Zarten sind die Quelle des Widerstandes gegen die Zerstörer.

Selig sind die Zarten. Sie halten die Erde unzerstört. Sensibilität. Gespür. Feingefühl. Wärmestrom um einen Menschen. Mitschwingfähigkeit. Wahrnehmungsvermögen nicht fixierender Art. Wärmeabbau. Atmosphäreloser, scharfrandiger Umriss – wie von einer Zielscheibe. Entsensibilisierung. Die Kühle, mit der Menschen erledigt werden. Die Kalkulation von Schrecken, die zuvor das Gefühl annulliert. Der blanke Hass, der die sensiblen Reste überfriert. Revolution zugunsten elementaren Mitfühlens. Revolution gegen ein Attrappendenken, das den Menschen und sein Gesicht übersieht. Resensibilisierung. Ihr hört, dass gesagt wird: Gelobt sei, was hart macht. Gebt euch brutal. Setzt euch rücksichtslos durch. Ich aber sage euch: Gelobt sei, was zart macht. Die Sanften siegen. Haltet einander unverletzt. Wir haben Scharfmacher. Sanftmacher sind nötig. Sie sind die stärkeren Revolutionäre. Scharfmacher werden schartig. Sanftmacher behalten ihre gedrungene Wucht. Scharfmacher hinterlassen zerschnittene Tischtücher. Sanftmacher lieben den runden Tisch. Witz zielt spitz. Humor entlastet sanft. Der Scharfe schlägt nur eine grobe Saite. Der Sanfte bildet in sich ein feinsaitiges Ensemble. Der Sanfte ist nicht stumpf und noch weniger abgestumpft. Sein Wort dringt tiefer ein. Aber es ätzt, es kränkt, es verletzt nicht.